Orientierung:

parsley,

sage,

rosemary

and thyme






Links:

mare.litterarum

pavot rouge

Herr John

Kopfflimmern

schattenschwer

(twttr)
Lieber Herr Böll,

ich bin an einem Punkt angelangt, an dem ich sagen möchte, dass kein Bild dieser Welt diesen Ort beschreiben kann. Bislang dachte ich, dass man jene Dinge, die man mit Worten nicht mehr beschreiben kann, mit Bildern sagen kann. Aber auch die Bilder versagen hier.
Der Himmel ist wolkenverhangen. Hinter uns ragen die grünbewachsenen Hügel von Achill Island in den Himmel hinauf, vor uns liegt das Meer. Schafe blicken gemächlich von den Hügeln herab und die einzigen Geräusche sind das rauschende Meer und das Summen des Windes in den Ohren, ab und an ein fernes "Mäh" der Schafe.
Herr Böll, ich weiß, wieso Sie sich diese Insel ausgesucht haben, um Urlaub zu machen. Alles ist so leise. Die Menschen, die einem begegnen, scheinen eine besondere Ruhe auszustrahlen, scheinen mit sich selbst und der Welt ein wenig mehr im Reinen zu sein als andere.
Wir bleiben stehen mit dem Auto und schauen auf die Karte. Ein alter Mann klopft an die Fensterscheibe und fragt uns freundlich: "Are ye lost?" Wir verneinen, aber danken ihm, er grinst und fragt, woher wir kommen. Wir unterhalten uns eine Weile, bis er weitergeht, zwei zottelige Hunde links und rechts an seiner Seite, die Mütze auf seinem Kopf ein wenig schief.
Ein Auto hält neben uns. Der Fahrer steigt aus und kommt zu uns herüber. "Are ye lost?" fragt er und sieht auf die Landkarte in meiner Hand. Wir lachen und verneinen, aber danken auch ihm. Er ruft dem Mann mit den Hunden etwas zu, sie unterhalten sich, während wir unsere nächste Route planen und als er zurück zu seinem Auto kommt, ruft er uns zu, dass wir ihm folgen können wenn wir nicht wüssten, wo es langgeht und er zwinkert dabei. Wir winken ihm zu und fahren weiter.
An der steil ansteigenden Straße, die zur Keem Bay führt, steht ein Maler. Er hat sein rotes Auto an der Seite geparkt und steht nah am geöffneten Kofferraum, um sich und sein Bild vor dem einsetzenden Nieselregen zu schützen. Wir können seine Leinwand sehen. Er malt die vor ihm liegende Küste, das Meer, das Rauschen und die Farben stechen leuchtend hervor. Um ihn herum ist Magie. Die Magie der stillen Insel, die Magie, die in dem Wissen liegt, dass das Licht auf dieser Insel ein ganz anderes, ein ganz besonderes ist, insbesondere abends. Das Wissen darüber, dass schon so viele Maler hier auf der Insel ihre Bilder gemalt, gezeichnet, radiert haben. Ich hätte gern angehalten und ihn gefragt, ob ich ein Bild davon machen kann wie er sein Bild malt, aber damit wäre ein Stück der Magie wieder verschwunden.
Herr Böll. Irgendwann bewerbe ich mich vielleicht einmal bei Ihrer Stiftung, um ein Stipendium für Ihr Haus auf dieser Insel zu bekommen. Und wissen Sie, es wäre gar nicht schlimm, wenn es nichts werden würde. Denn das Ferienhaus der Schwester meiner Gastmutter ist Ihrem direkt gegenüber.
Herr Böll, wir hätten uns zuwinken können, vor fünfzig, sechzig Jahren. Heute bleibt mir nur eine kleine Verbeugung vorm Bücherregal und ein Kopfschütteln bei Zeitungsartikeln, die sagen wollen, dass Sie vergessen werden. Nein, ganz sicher nicht. Aber Sie dürften selbst wissen, dass es vielleicht gar nicht schlimm ist, wenn die Stille um Sie herum ein wenig größer wird. Vielleicht ist es die Stille dieser Insel. Denn mitten in der größten Stille entstehen die tiefsten Worte.
27.7.10 10:43
 


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)



 Smileys einfügen