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Freud und ich

Hauptbahnhof. Am Gleis gegenüber schlurft ein alter Mann vorbei und singt. Er trägt ein rosafarbenes Hemd, darüber ein braunes Jackett. In den Händen hält er jeweils eine große weiße Plastiktüte, seine Hose ist kurz, seine Schuhe sind turnschuhähnliche Slipper.
Er singt. Langsam geht er in Richtung der Bahnhofsmission, den Blick auf die Bahnsteigsteine vor ihm gerichtet. Er murmelt und singt im Wechsel. An der Bahnhofsmission angekommen schaut er durchs Fenster, eine ganze Weile, tritt dann einen halben Schritt zurück um einen Zettel zu lesen, der von innen an der Fensterscheibe angebracht ist. Dann drückt er die Türklinke herunter. Die Tür ist verschlossen. Er dreht sich um und fängt wieder zu singen an, sein Lied ist ohne Text, nur ein melodisches „La, la, la“, aber er hat eine schöne Stimme.
Auf einer Bank an seinem Bahnsteig ist eine Frau. Sie hat sich mit ihrem Koffer gerade hingesetzt, als der Mann zu ihr geschlurft kommt und sie anspricht. Ich verstehe nicht, was er sagt. Sie schaut ihn nur an und runzelt die Stirn, steht dann wortlos auf, nimmt ihren Koffer und geht.
Der Mann setzt sich. Seine Haare sind schlohweiß. Sie Frisur und sein Bart lassen ihn aus der Entfernung aussehen wie Sigmund Freud. In seinem Jackett wirkt er nicht ungepflegt oder trunken, nur verwirrt. Ich kann hören wie er sagt: „Da gehst Du, dahinten hin“ und er blickt der Frau nach, die mit ihrem Koffer den Bahnsteig entlang verschwindet.
Er kramt in seiner Tasche. Erst kann ich nicht genau erkennen, was es ist, dann sehe ich ein Trinkpäckchen, das er hervorgeholt hat und bei dem er mit zitternden Händen versucht, den Strohhalm hineinzustechen. Das Zittern sehe ich, auch aus der Entfernung, genau.
Er redet, sehr leise, nur ein Murmeln dringt zu mir, während er das Trinkpäckchen bearbeitet.
Dann blickt er hoch und sieht mich. Er lächelt und wirft mir eine Kusshand zu, ganz spontan, er sagt sehr laut: „Meine Küsse kommen überall an, sie können fliegen. Überall kommen sie an.“ Dann lacht er und winkt mir zu. Ich grinse und winke zurück.
Mein Zug fährt ein und verdeckt ihn hinter sich wie ein großes Tuch. Ich suche mir einen Platz am linken Fenster und blicke auf seinen Bahnsteig. Der Mann hat seine beiden Plastiktüten genommen und schlendert langsam davon. Sein Blick ist wieder auf die Steine vor seinen Füßen gerichtet, seine Füße schlurfen über den Boden. Kurz vor der Treppe hält er an und redet auf ein Kind ein, das ihn verwirrt anschaut und dann zur Mutter rennt.
Er schlurft die Treppe hinunter, bis ich ihn nicht mehr sehe. Am Geländer steht ein Paar in enger Umarmung, der Koffer wartet auf die Abfahrt. Sie küssen sich, die Frau weint und schlingt ihre Arme um den Mann, vergräbt ihre Hände unter seinem grauen Shirt. Vielleicht werden sie lange Zeit getrennt sein. Der Koffer wartet auf die Abfahrt. Vielleicht ist er noch nie gereist. Unten im Bahnhofstunnel singt vielleicht der Mann mit dem schlohweißen Haar. Er hat eine schöne Stimme.

21.6.10 11:58
 


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