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mon âme pathétique

Ich sagte jemandem einst, dass es Lieder gibt, die man nur mit Samthandschuhen anfassen kann. Das ist lange Zeit hier und doch meine ich es noch immer so, wie ich es damals sagte. Damals; damals hatte jemand, den wir beide - gut und weniger gut - kannten, eine Textstelle aus einem wunderbaren Lied zitiert. Es war eine sehr leise Textstelle, eine ruhig gesungene Frage, eine jener, bei denen man die Augen schließen könnte um an die Welt und an gar nichts oder an alles zu denken. Und jene Person zitierte dieses Lied in großen Lettern und mit fünf oder sechs Fragezeichen versehen, sodass es aussah wie ein Aufschrei, wie ein lauter Ruf, wie etwas, das diese Zeile nicht war.
Da sagte ich das mit den Samthandschuhen. Besser: ich schrieb es. Ich meinte, man müsse vorsichtig damit umgehen, wie mit Glas, wie mit zerbrechlichen Dingen. Ich weiß nicht, ob er, dem ich es sagte, mich verstand, damals. Vielleicht hat er komisch geschaut, auf diesen verworrenen Satz.
Das liegt an mir, ich weiß.
Ich habe irgendwann angefangen, alles zu verschlüsseln, jedes Wort und jeden Satz. Ich habe mir die seltsamste Syntax angewöhnt und taste meine Sätze wieder und wieder nach Metren ab, die ich später nicht wiederfinde, die wie Phantome irgendwann einmal zwischen den Worten tanzten und ihnen ein Gerüst gaben. Dabei möchte ich doch nur dieses eine beschreiben können. Und ich wünschte, ich fände die passenden Worte, doch alle sind sie viel zu groß und zu grob. Diese Lieder, es sind viele, gehen hinein in mich, leeren dort für Augenblicke alles, das dort war in mir aus und lassen nur noch das zurück, das unbeschreibbar bleibt, das weh tut und gleichzeitig unendlich glücklich macht, gebannt in Noten und Tonabfolgen; das stumm macht und den Blick verschleiert. Da bleibt kein Wort für übrig, das nicht pathosgeschwängert dahergelaufen käme, diesen Sog zu beschreiben, der mitten in der Brust zerrt und mich von innen heraus vor Ehrfurcht erstarren lässt vor dem, was ein Mensch mit Instrument oder Stimme zu schaffen vermag. In Schauern, die die Glieder entlangrasen. Das können alte Melodien sein und neue, Lieder die ich schon tausendmal gehört habe und Lieder, denen ich zum ersten Mal begegne, die ich sofort fange und einschließe und niemals wieder fortgeben möchte.
Aber eines habe ich gelernt, in all den Jahren in denen ich versuchte, dieses eine Innere weiterzugeben: Es geht nicht. Denn über allem bleibt die Frage, wieso wir Musik so unterschiedlich hören. Wieso ein Lied, das meine Seele in tausende kleiner Stücke zerbersten lässt vor Glück, für Dich ein ganz normales Lied bleiben kann, das schön ist, ganz nett und nicht mehr. Und ich habe erkannt, dass das, was ich am liebsten mit der ganzen Welt teilen wollte, das Unteilbare bleibt. Dass alle Lieder, die ich für mich einpacke wie kleine Geschenke für schlechte Zeiten vielleicht nur für mich das sind, was sie sind. Und auch wenn all diese Lieder nicht meine sind, so wäre mir, als würde ich das Innerste von mir nach außen hin verraten, würde ich sie nennen, jedes einzelne von ihnen. In jedem steckt eine Meditation, eine Selbstauflösung, minuten- oder sekundenlang. Und bei jedem einzelnen ist es dieses eine, das gewiss ist und das dann in keiner Sekunde übertrieben gemeint ist: Es wäre nicht schlimm, es wäre nicht traurig, würde ich jetzt, in diesem Moment, mit diesem Lied im Herzen sterben.
9.11.09 23:28
 


bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


pavot rouge (16.11.09 13:16)
Genau das ist der Grund, warum ich an dem Grabsteinland hänge. Es sind Lieder, die die Welt bedeuten, diese Selbstauflösung, unendliche Gänsehaut, die sich über jeden Wirbel, jeden Knochen, jede Sehne legt, das kann bestimmt keiner begreifen, aber das muss man auch nicht. Musik ist subjektiv, unbeschreiblich und genau das macht sie zu dem, was sie ist. Und nun höre ich noch einmal den Rabenflug- mon coeur sauvage dans les champs de pavot. So schön, wie dunkle Märchen sind.
Danke für diesen wundervollen Text.

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