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Weiße Leiter

Es nähert sich in raschen Schritten der Tag, an dem ich mich stelle. Schon wäre mir fast ein "viel zu schnell" hereingerutscht, ein zögerliches, ein zurückhaltendes Aufschieben nach hinten, in die Ferne, in der ein Auge-in-Auge-Blick nicht möglich ist. Ich habe lange genug gewartet. Ich habe lange gestanden und gewartet, dass es sich von selbst bewegt. Liebes Monstrum. Ich habe zögerliche Schritte nach vorn gewagt und doch habe ich in der Rückschau das Gefühl, mich fast nicht bewegt zu haben. Vielleicht ist das ein Trugschluss. Vielleicht rede ich mich klein vor der Vergangenheit und vielleicht zerdenke ich mich viel zu stark zwischen Selbstzweifel und Vorwurf. Denn eigentlich ist gar keine Zeit, nach hinten zu blicken. Man muss sich stellen, irgendwann. Ich kann nicht immer weglaufen. In meinen Händen werden es bald 80 Seiten. Vielleicht ein paar mehr. Ein Zettelwerk aus vielen schwarzen Linien, an dem weiß mein Herzblut hinuntertropft. Es ist darin. Die Seiten halte ich zögerlich entgegen, die ausgestreckte Hand ist bereit, schicksalsergeben abgebissen zu werden. Sie weiß das nicht. Dann werde ich warten und mich der Rahmenhandlung widmen. Dann werde ich schreiben und warten und hoffen. Dann werde ich fragen und warten und hoffen. Dann werde ich lernen und lesen und zittern. Dann werde ich mir vor Panik die Nervenstränge ausreißen wollen. Vielleicht werde ich das große Schwarz sehen, das Blackout, die dunkle Wand. Schwarz und unendlich weit. Und vielleicht. Vielleicht lehnt dann eine dünne weiße Leiter an ihr und werde ich über sie hinwegsteigen. Die Wand im Rücken. Und dahinter?
Blick nach vorn.
Liebes Monstrum.
Wir werden kämpfen.
3.3.11 21:18


Lieber Herr Böll,

ich bin an einem Punkt angelangt, an dem ich sagen möchte, dass kein Bild dieser Welt diesen Ort beschreiben kann. Bislang dachte ich, dass man jene Dinge, die man mit Worten nicht mehr beschreiben kann, mit Bildern sagen kann. Aber auch die Bilder versagen hier.
Der Himmel ist wolkenverhangen. Hinter uns ragen die grünbewachsenen Hügel von Achill Island in den Himmel hinauf, vor uns liegt das Meer. Schafe blicken gemächlich von den Hügeln herab und die einzigen Geräusche sind das rauschende Meer und das Summen des Windes in den Ohren, ab und an ein fernes "Mäh" der Schafe.
Herr Böll, ich weiß, wieso Sie sich diese Insel ausgesucht haben, um Urlaub zu machen. Alles ist so leise. Die Menschen, die einem begegnen, scheinen eine besondere Ruhe auszustrahlen, scheinen mit sich selbst und der Welt ein wenig mehr im Reinen zu sein als andere.
Wir bleiben stehen mit dem Auto und schauen auf die Karte. Ein alter Mann klopft an die Fensterscheibe und fragt uns freundlich: "Are ye lost?" Wir verneinen, aber danken ihm, er grinst und fragt, woher wir kommen. Wir unterhalten uns eine Weile, bis er weitergeht, zwei zottelige Hunde links und rechts an seiner Seite, die Mütze auf seinem Kopf ein wenig schief.
Ein Auto hält neben uns. Der Fahrer steigt aus und kommt zu uns herüber. "Are ye lost?" fragt er und sieht auf die Landkarte in meiner Hand. Wir lachen und verneinen, aber danken auch ihm. Er ruft dem Mann mit den Hunden etwas zu, sie unterhalten sich, während wir unsere nächste Route planen und als er zurück zu seinem Auto kommt, ruft er uns zu, dass wir ihm folgen können wenn wir nicht wüssten, wo es langgeht und er zwinkert dabei. Wir winken ihm zu und fahren weiter.
An der steil ansteigenden Straße, die zur Keem Bay führt, steht ein Maler. Er hat sein rotes Auto an der Seite geparkt und steht nah am geöffneten Kofferraum, um sich und sein Bild vor dem einsetzenden Nieselregen zu schützen. Wir können seine Leinwand sehen. Er malt die vor ihm liegende Küste, das Meer, das Rauschen und die Farben stechen leuchtend hervor. Um ihn herum ist Magie. Die Magie der stillen Insel, die Magie, die in dem Wissen liegt, dass das Licht auf dieser Insel ein ganz anderes, ein ganz besonderes ist, insbesondere abends. Das Wissen darüber, dass schon so viele Maler hier auf der Insel ihre Bilder gemalt, gezeichnet, radiert haben. Ich hätte gern angehalten und ihn gefragt, ob ich ein Bild davon machen kann wie er sein Bild malt, aber damit wäre ein Stück der Magie wieder verschwunden.
Herr Böll. Irgendwann bewerbe ich mich vielleicht einmal bei Ihrer Stiftung, um ein Stipendium für Ihr Haus auf dieser Insel zu bekommen. Und wissen Sie, es wäre gar nicht schlimm, wenn es nichts werden würde. Denn das Ferienhaus der Schwester meiner Gastmutter ist Ihrem direkt gegenüber.
Herr Böll, wir hätten uns zuwinken können, vor fünfzig, sechzig Jahren. Heute bleibt mir nur eine kleine Verbeugung vorm Bücherregal und ein Kopfschütteln bei Zeitungsartikeln, die sagen wollen, dass Sie vergessen werden. Nein, ganz sicher nicht. Aber Sie dürften selbst wissen, dass es vielleicht gar nicht schlimm ist, wenn die Stille um Sie herum ein wenig größer wird. Vielleicht ist es die Stille dieser Insel. Denn mitten in der größten Stille entstehen die tiefsten Worte.
27.7.10 10:43


Strandgut

Wir stehen an der salzigen Küste. In rhythmischen Bewegungen zieht das Meer die Steine ins Wasser und schenkt sie zurück. Ein Stück Glas spühlt sich vor meine Füße, farblos matt und von den Bewegungen des Meeres weich geworden an den Kanten.
Die Kinder werfen mit Quallen. Ich denke: Wirf die Quallen ins Meer, doch sie schmeißen sie wie Wasserbomben. Die Quallen platschen auf, auch sie eine farblose Masse, manchmal kommt ihnen ein Stückchen abhanden, das fast unsichtbar am Boden liegen bleibt.
Die Arme schlinge ich enger um den Körper. Denn die Eingeweide der Muscheln sind kalt geworden im Wind und meine mit ihnen. Die Muscheln, deren Schalen ich aufsammle und mitnehme. Die nach Atlantik schmecken, salzig, rauh und kalt.
Neben mir spielen die Kinder.
Das Meer, eine wogende Masse, das die Zehen betäubt.
Ich suche den nassen Sand ab.
Und werfe die Quallen zurück ins Meer.

18.7.10 12:00


Freud und ich

Hauptbahnhof. Am Gleis gegenüber schlurft ein alter Mann vorbei und singt. Er trägt ein rosafarbenes Hemd, darüber ein braunes Jackett. In den Händen hält er jeweils eine große weiße Plastiktüte, seine Hose ist kurz, seine Schuhe sind turnschuhähnliche Slipper.
Er singt. Langsam geht er in Richtung der Bahnhofsmission, den Blick auf die Bahnsteigsteine vor ihm gerichtet. Er murmelt und singt im Wechsel. An der Bahnhofsmission angekommen schaut er durchs Fenster, eine ganze Weile, tritt dann einen halben Schritt zurück um einen Zettel zu lesen, der von innen an der Fensterscheibe angebracht ist. Dann drückt er die Türklinke herunter. Die Tür ist verschlossen. Er dreht sich um und fängt wieder zu singen an, sein Lied ist ohne Text, nur ein melodisches „La, la, la“, aber er hat eine schöne Stimme.
Auf einer Bank an seinem Bahnsteig ist eine Frau. Sie hat sich mit ihrem Koffer gerade hingesetzt, als der Mann zu ihr geschlurft kommt und sie anspricht. Ich verstehe nicht, was er sagt. Sie schaut ihn nur an und runzelt die Stirn, steht dann wortlos auf, nimmt ihren Koffer und geht.
Der Mann setzt sich. Seine Haare sind schlohweiß. Sie Frisur und sein Bart lassen ihn aus der Entfernung aussehen wie Sigmund Freud. In seinem Jackett wirkt er nicht ungepflegt oder trunken, nur verwirrt. Ich kann hören wie er sagt: „Da gehst Du, dahinten hin“ und er blickt der Frau nach, die mit ihrem Koffer den Bahnsteig entlang verschwindet.
Er kramt in seiner Tasche. Erst kann ich nicht genau erkennen, was es ist, dann sehe ich ein Trinkpäckchen, das er hervorgeholt hat und bei dem er mit zitternden Händen versucht, den Strohhalm hineinzustechen. Das Zittern sehe ich, auch aus der Entfernung, genau.
Er redet, sehr leise, nur ein Murmeln dringt zu mir, während er das Trinkpäckchen bearbeitet.
Dann blickt er hoch und sieht mich. Er lächelt und wirft mir eine Kusshand zu, ganz spontan, er sagt sehr laut: „Meine Küsse kommen überall an, sie können fliegen. Überall kommen sie an.“ Dann lacht er und winkt mir zu. Ich grinse und winke zurück.
Mein Zug fährt ein und verdeckt ihn hinter sich wie ein großes Tuch. Ich suche mir einen Platz am linken Fenster und blicke auf seinen Bahnsteig. Der Mann hat seine beiden Plastiktüten genommen und schlendert langsam davon. Sein Blick ist wieder auf die Steine vor seinen Füßen gerichtet, seine Füße schlurfen über den Boden. Kurz vor der Treppe hält er an und redet auf ein Kind ein, das ihn verwirrt anschaut und dann zur Mutter rennt.
Er schlurft die Treppe hinunter, bis ich ihn nicht mehr sehe. Am Geländer steht ein Paar in enger Umarmung, der Koffer wartet auf die Abfahrt. Sie küssen sich, die Frau weint und schlingt ihre Arme um den Mann, vergräbt ihre Hände unter seinem grauen Shirt. Vielleicht werden sie lange Zeit getrennt sein. Der Koffer wartet auf die Abfahrt. Vielleicht ist er noch nie gereist. Unten im Bahnhofstunnel singt vielleicht der Mann mit dem schlohweißen Haar. Er hat eine schöne Stimme.

21.6.10 11:58


Hibernia

I'd hear the ocean breathe
Exhale upon the shore
I knew the tempest's blood
Its wrath I would endure

(Loreena McKennitt - Skellig)

 


Mein erster Besuch in Irland seit sieben Jahren.
Seitdem ich damals das erste Mal dieses Land betreten habe, war ich immer wie elektrisiert, wenn ich auch nur den Namen Irland hörte. Damals waren wir mehrere Tage in Dublin, haben die Wicklow Mountains erkundet und Glendalough, sind in der Guinness-Brauerei gewesen und im Trinity College. Danach fuhren wir rüber auf die andere Seite der Insel, sahen uns Galway an und die Aran Islands. Der Besuch auf Inis Mór wird für mich auf ewig unvergessen bleiben, so atemberaubend waren die Klippen und Häuser auf der kleinen Insel damals.

Am Wochenende war ich nun wieder in Irland. Ein kurzer Vorabbesuch, um die Familie kennenzulernen, bei der ich im Juli und August als Sommer-Au-pair arbeiten werde. Ich habe meine Cousine besucht, die dort zur Zeit noch als Au-pair ist und wir sind zusammen an die irische Westküste gefahren. Die engen Straßen des Ring of Kerry haben wir erobert, haben in kleinen aber feinen Hostels geschlafen und sind in der irischen Frühsommersonne erst rot und dann braun geworden.

Am Samstag waren wir auf Skellig Michael. Skellig Michael ist eine kleine Insel vor der Westküste Irlands, auf der vor 1400 Jahren ein Kloster errichtet wurde. Nachdem wir etwa anderthalb Stunden mit dem Boot gefahren waren, bäumte sich vor uns plötzlich diese Insel auf wie eine irreale Traumerscheinung. Vom Geschrei der dort heimischen Vögel empfangen, stiegen wir über einen schmalen Steg auf die so kleine grüne Insel neben der großen grünen Insel.

Knapp 600 uralte, steinerne Stufen führen hoch zur Spitze und nicht nur ab und an kippelte eine der Steinplatten unter den Füßen. So manches Mal ging mir durch den Kopf, dass die Mönche, die hier vor so langer Zeit gelebt haben, ein wenig verrückt gewesen sein müssen. Mehrere Stunden muss es gedauert haben, um mit einem unmotorisierten Schiff von der Küste zur Insel zu gelangen. Ewigkeiten muss es gebraucht haben, die steinernen Platten Stufe für Stufe aufzuschichten, um ganz oben auf dem Gipfel der Insel ein Kloster zu errichten. Mein Bild der früheren Inselbewohner wurde beim Erklimmen der Stufen immer romantisierter. Etwa 12 Mönche lebten gleichzeitig in der kleinen Steinhaus-Kolonie, durch den Atlantik getrennt vom Rest der Welt. Wie muss es gewesen sein, das Leben in einer so abgeschiedenen kleinen Gruppe von Menschen? Wie still, das Zusammenleben auf der Insel mit hunderten von kleinen Papageientauchern, die so ungelenk fliegen und wie pinguinfarbene Hasen in Erdlochwohnungen verschwinden. Wie nahe die Verbindung zu Gott, im kleinen Kräutergarten des Klosters, im dunklen Steinhaus der Kloster-Siedlung, im teils rauen Klima des Atlantiks. Das Festland konnte man am Samstag zumindest nur noch weit weit in der Ferne erahnen.

Nur die kleinere Nebeninsel, Little Skellig, war immer sichtbar. Auf ihr herrscht das Gegenteil aller Stille, denn dort befindet sich eine riesige Kolonie von Basstölpeln: Über 25000 Vögel nisten dort und je näher man heranfährt, desto lauter werden die Rufe der Vögel, desto deutlicher sieht man die unzähligen umherkreisenden Vögel in der Luft und die noch zahlreicher dort sitzenden Artgenossen. Eine Insel wie ein riesiger Bienenschwarm, ständig in Bewegung, schwirrend und laut.
Auf Skellig Michael hört man die Basstölpel nicht. Man sieht nur eine kleine Insel, die durch die Unmenge an Vögeln aus der Ferne so weiß aussieht, als sei sie von Schnee bedeckt.

 

 




 


Ich bin gespannt auf meinen irischen Sommer. Ich habe ein wenig Panik im Bauch bei dem Gedanken an die für mich ungewohnt lange Zeit, die ich nicht zu Hause sein werde. Aber nirgendwo sonst als in Irland könnte ich mir ein zweites Zuhause vorstellen.
Es wird.
Is fearrde tú Guinness.
Is fearrde tú Eire.

8.6.10 14:49


Vorwärts

Wenn wir da sind und unsere Füße sind fest auf dem Boden, wenn wir uns festhalten können an uns selbst, dann können wir stehen. Wenn wir dann, wenn wir den Mut aufbringen und den Mund öffnen, wenn uns ein Wort über die Lippen kommt oder zwei, dann können wir laufen und gehen. Wenn wir später, wenn wir den Kopf oben lassen können und schauen auf das was kommt, auch wenn wir es nicht sehen, dann können wir uns ändern.
Wir werden uns ändern und altern. Vielleicht wird es gut werden. Vielleicht.

Ich baue wieder diese Sätze zusammen. Es geht, es klappert ein wenig und springt von einem Buchstaben zum anderen, aber es geht. Ich habe den Bausatz noch auf meinen Fingerspitzen kleben.
Es ist eine Weile her. Das ist einer meiner Lieblingssätze. Es ist nicht so, dass ich die Zeit gern verstreichen lassen würde, aber ich kann sie daran nicht hindern. Manchmal sehe ich ihr gern nach. Dann drehe ich mich um, blicke zurück und nehme etwas von dem mit, das der Wind mir zurückgeweht hat von früher. Ein Teilchen, ein Schnipsel, eine Scherbe. Wir setzen uns zusammen aus vielen kleinen Dingen. Manchmal straucheln wir, dann bricht ein Stückchen ab. Wir haben Kanten und Fugen und können nicht glatt sein, aber wir müssen auch nicht. Wir können uns kleben. Und setzen einander neu zusammen. Jedes Stückchen leuchtet. Zurück und weiter nach vorn, den Kopf ein wenig höher, die Augen geradeaus.
2.6.10 17:50


mon âme pathétique

Ich sagte jemandem einst, dass es Lieder gibt, die man nur mit Samthandschuhen anfassen kann. Das ist lange Zeit hier und doch meine ich es noch immer so, wie ich es damals sagte. Damals; damals hatte jemand, den wir beide - gut und weniger gut - kannten, eine Textstelle aus einem wunderbaren Lied zitiert. Es war eine sehr leise Textstelle, eine ruhig gesungene Frage, eine jener, bei denen man die Augen schließen könnte um an die Welt und an gar nichts oder an alles zu denken. Und jene Person zitierte dieses Lied in großen Lettern und mit fünf oder sechs Fragezeichen versehen, sodass es aussah wie ein Aufschrei, wie ein lauter Ruf, wie etwas, das diese Zeile nicht war.
Da sagte ich das mit den Samthandschuhen. Besser: ich schrieb es. Ich meinte, man müsse vorsichtig damit umgehen, wie mit Glas, wie mit zerbrechlichen Dingen. Ich weiß nicht, ob er, dem ich es sagte, mich verstand, damals. Vielleicht hat er komisch geschaut, auf diesen verworrenen Satz.
Das liegt an mir, ich weiß.
Ich habe irgendwann angefangen, alles zu verschlüsseln, jedes Wort und jeden Satz. Ich habe mir die seltsamste Syntax angewöhnt und taste meine Sätze wieder und wieder nach Metren ab, die ich später nicht wiederfinde, die wie Phantome irgendwann einmal zwischen den Worten tanzten und ihnen ein Gerüst gaben. Dabei möchte ich doch nur dieses eine beschreiben können. Und ich wünschte, ich fände die passenden Worte, doch alle sind sie viel zu groß und zu grob. Diese Lieder, es sind viele, gehen hinein in mich, leeren dort für Augenblicke alles, das dort war in mir aus und lassen nur noch das zurück, das unbeschreibbar bleibt, das weh tut und gleichzeitig unendlich glücklich macht, gebannt in Noten und Tonabfolgen; das stumm macht und den Blick verschleiert. Da bleibt kein Wort für übrig, das nicht pathosgeschwängert dahergelaufen käme, diesen Sog zu beschreiben, der mitten in der Brust zerrt und mich von innen heraus vor Ehrfurcht erstarren lässt vor dem, was ein Mensch mit Instrument oder Stimme zu schaffen vermag. In Schauern, die die Glieder entlangrasen. Das können alte Melodien sein und neue, Lieder die ich schon tausendmal gehört habe und Lieder, denen ich zum ersten Mal begegne, die ich sofort fange und einschließe und niemals wieder fortgeben möchte.
Aber eines habe ich gelernt, in all den Jahren in denen ich versuchte, dieses eine Innere weiterzugeben: Es geht nicht. Denn über allem bleibt die Frage, wieso wir Musik so unterschiedlich hören. Wieso ein Lied, das meine Seele in tausende kleiner Stücke zerbersten lässt vor Glück, für Dich ein ganz normales Lied bleiben kann, das schön ist, ganz nett und nicht mehr. Und ich habe erkannt, dass das, was ich am liebsten mit der ganzen Welt teilen wollte, das Unteilbare bleibt. Dass alle Lieder, die ich für mich einpacke wie kleine Geschenke für schlechte Zeiten vielleicht nur für mich das sind, was sie sind. Und auch wenn all diese Lieder nicht meine sind, so wäre mir, als würde ich das Innerste von mir nach außen hin verraten, würde ich sie nennen, jedes einzelne von ihnen. In jedem steckt eine Meditation, eine Selbstauflösung, minuten- oder sekundenlang. Und bei jedem einzelnen ist es dieses eine, das gewiss ist und das dann in keiner Sekunde übertrieben gemeint ist: Es wäre nicht schlimm, es wäre nicht traurig, würde ich jetzt, in diesem Moment, mit diesem Lied im Herzen sterben.
9.11.09 23:28


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